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Der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze hat mit seinem Bestseller „Die
Erlebnisgesellschaft“ einen soziologischen Coup ersten Ranges gelandet.
Ganze Kapitel des vergnüglich zu lesenden Wälzers waren in der
FAZ abgedruckt. „Die Erlebnisgesellschaft“ bildete die Bundesdeutsche Gesellschaft
Mitte der achziger Jahre ab. Seitdem hat diese sich freilich gewandelt,
erst in den neunziger Jahren entstand die „Eventkultur“.
Nun sind fünf Essays „Streifzüge“ durch die aktuelle Kulturszene
erschienen, die wiederum ebenso unterhaltsam wie geistreich sind. Gerhard
Schulze ist kein Kulturkritiker, er beschreibt nüchtern und sachlich,
zumal - nach Schulze - Kulturkritiker ohnehin niemand mehr ernst nimmt,
jeder akzeptiert nur noch seinen eigenen Geschmack. So fragt sich Schulze,
weshalb unsere gesamt Kultur von Sex durchdrungen zu sein scheint, weshalb
es keinerlei Schranken mehr gibt: „Die lachende Verheißung prallen
Lebens wurde zu einer Routine, die mit dem Wetterbericht vergleichbar ist“.
Der Mensch unserer Gesellschaft - das beschrieb Schulze bereits in der
„Erlebnisgesellschaft“ - ist dem Imperativ des schönen Lebens ausgesetzt.
Wer keine „schönen Erlebnisse“ hat, hat kein sinnerfülltes Leben.
Hierzu gehört zuvorderst der Bereich der Sexualität. Das Privatfernsehen
führt in zahlreichen Sendungen wie „Peep“ oder „Liebe Sünde“
vor, wie man sich mit Hilfe mannigfaltiger Stimulanzmittel sexuell-schöne
Erlebnisse verschaffen kann. Doch das „Herzeigen“ im Privatfernsehen besteht
aus Inszenierungen, nichts ist echt, alles ist „Fake“, auch wenn er diesen
Begriff nicht wählt - vielleicht im nächsten Band. Der gelegentliche
Aufschrei beispielsweise der Landesmedienanstalten „erzeugen ein letztes
Quentchen Sündhaftigkeit, eine wenigstens noch schwach prickelnde
Form von Obszönität“ und den Anschein, dass doch noch Tabus gebrochen
werden können.
Nichts ist wirklich, aber die Inszenierungen funktionieren. Ihre Funktionsweise
aufgedeckt zu haben, ist ein Verdienst dieses schmalen Buches. Weshalb
das Privatfernsehen immer langweiliger werden wird, auch das macht Schulze
plausibel. Weil es sich am Mehrheitsgeschmack orientiert, also an den Quoten,
wird keiner der „Macher“ auf die Idee kommen, andere, neue Konzepte auszuprobieren,
die beim Publikum nicht ankommen können. Altbewährtes wird stets
ein wenig modifiziert, und in immer schnelleren Kreisbewegungen präsentiert.
Das erklärt auch den Erfolg der unzähligen Coverversionen und
gesampelten Hits. Schulzes „Streifzüge“ illustrieren den von Paul
Virilio beschriebenen „rasenden Stillstand“ . Niemand kann diesem entkommen,
es sei denn, er setzt sich bewusst der Langeweile und dem absoluten Nichtstun
aus. Doch in der Gegenwartsgesellschaft ist dies unvorstellbar. Matthias
Kehle
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Danke.
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