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Die Sex Pistols, Ernst Jünger, Martin Luther und Jesus haben eines
gemeinsam: Sie sind Barbaren, jedenfalls nach der Analyse des Literaturwissenschaftlers
Manfred Schneider. Der Barbarenbegriff steht - ihm zufolge - in der abendländischen
Geschichte neben elementaren Termini wie Wahrheit, Natur, Liebe, Gott,
Mensch oder Frau. Der Barbar kann als Unschuldsbarbar oder als Endzeitbarbar
auftreten. Der Unschuldsbarbar ist ein Zivilisationskritiker, der die Kultur
zur Natur oder zur Wahrheit zurückführen möchte, der - wie
Jesus oder Luther - der gegenwärtigen Vielfalt der Meinungen und Lehren
sowie der Verdorbenheit der Sitten eine neue, reine, einfache Lehre entgegenstellt.
In diesem Jahrhundert sind viele dieser "barbarischen" Bewegungen entstanden,
etwa die Wandervogelbewegung, die Jugendbewegungen, aber auch Dada, welche
den verwirrenden Semantiken der Kultur eine neue, einfache, wenn auch unsinnige,
entgegenstellte. Der Endzeitbarbar hingegen wütet. Er liquidiert die
Gesetze, vergewaltigt, raubt, mordet und schändet die Symbole und
Zeichen, um selbst die Erinnerung an die zu tilgende Kultur zu beseitigen.
Auch der Endzeitbarbar will die Zivilisation retten. Seine Argumente für
das Ende von Demokratie und Pluralismus sind die Rettung des Nationalstaats,
die Beseitigung verdorbener, entarteter Kunst, die Schaffung arischer Rassen
etc. Die Beispiele sind endlos und reichen von den großen Kriegen
bis zu Skins, Punks und Hooligans, deren barbarisches Zeichenrepertoire
der Autor semiotisch unter die Lupe nimmt.
Schneiders Untersuchung ist gewaltig. Er beginnt bei Homer und dem
listenreichen Kampf Odysseus' gegen Polyphem und beruft sich auf die abendländische
Literatur aller Epochen. Von besonderer Bedeutung ist der immer wieder
zitierte Untergang Roms durch den inneren Barbaren der Dekadenz und den
äußeren Barbaren in Gestalt des germanischen Kriegers. Schneider
deckt auf, daß beim Erscheinen des Barbaren immer gleiche Muster
ablaufen und sein Verhalten von bestimmten "Liturgien" geprägt
ist. "Der Barbar" ist ein kulturgeschichtliches Standardwerk, überdies
noch vergnüglich zu lesen. Tröstlich oder erschreckend ist Schneiders
Fazit: In jedem von uns, in jeder Zivilisation verbergen sich Barbaren.
"Die Wissenschaft", so Schneider am Ende seiner Analysen, "kann
nicht retten. Die Wissenschaft kann aber wissen." Matthias Kehle
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