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Am Anfang steht ein Ende: das Begräbnis der Großmutter. Peter, der Ich-Erzähler, berichtet von der Fahrt zur Beerdigung, von der Trauerfeier und von seinen Familienverbündeten: die ältere Schwester Laura, der Vater, ein freier Fotograf, und die Mutter, eine Lehrerin aus Leidenschaft. Die nüchtern-lakonische Berichterstattung lässt Raum für Situationskomik, etwa wenn der Vater seine Gemahlin drängt, die Nacht im Bett seiner toten Mutter zu verbringen. Doch ebenso lauert das Mysterium des Eingebettetseins in die Ahnenreihe - durchaus verständlich also, dass Peter auf dem Oma-Klo Angst bekommt bei der Vorstellung, "wer schon alles auf dieser Schüssel saß".
In assoziativ geknüpften Erinnerungsketten und einer Vielzahl ineinander verschachtelter Rückblenden breitet Schley auf knappstem Raum eine beachtliche Handlungsfülle aus. Zugleich stellt sich dabei auch die Frage, welcher Fixpunkt, welches Geheimnis diese Ansammlung von Anekdoten im Innersten zusammenhalten könnte. Und tatsächlich geschieht etwas Unfassbares: Der Vater kehrt von einer Reise, bei der sein Flugzeug beinahe abgestürzt wäre, nicht nach Hause zurück. Ohne ein Wort der Erklärung. Ein Rätsel, das zunächst für eine latente Spannung sorgt .
Erst nachdem Peter
zum Medizinstudium nach Freiburg gezogen ist, erhält er ein Lebenszeichen
von seinem Erzeuger - doch statt nach dem Vater zu fahnden, begibt er
sich lieber auf eine manische Suche nach seiner angebeteten Cousine Emma,
die ihm in einer Art Vision geigend vor dem Freiburger Münster erschien.
Leider jedoch wirkt Peters Verzweiflung, die sich auch in einer chronisch
juckenden Kopfhaut offenbaren soll, allzu aufgesetzt, um die anvisierte
Krise glaubhaft zu machen.
Zudem kommt der vermeintliche rote Faden der Vaterflucht in dem Sammelsurium
von Nacherzählungen und Rückblicken nach und nach abhanden -
und bildet eher eine weitere Faser im verworrenen Erzählknäuel.
Dieses löst sich am Ende in Wohlgefallen auf, inklusive Rückkehr
des verlorenen Vaters - doch was die finale Familienvereinigung, ebenso
wie ihre vorherige Zersplitterung, eigentlich motiviert, und welche Rückschlüsse
sich daraus ergeben, das bleibt Geheimwissen des Autors.
So bildet "Verloren, mein Vater" einen eigenartigen Zwitter aus Familienchronik und Bildungsroman: Innerhalb seines Familienverbandes versucht der Ich-Erzähler, die eigene Position zu orten - ein Doppelbezug, dem formal ein Wechselspiel aus unangestrengt-nüchterner, teilweise komischer Berichterstattung und verstreuten poetischen Passagen entspricht. Letztere sorgen zwar für atmosphärische Dichte, drohen mitunter aber auch ins Altkluge abzugleiten. Die eigentliche Stärke des Buches scheint dagegen darin zu liegen, dass ein Großteil des Geschehens im Möglichkeitsmodus abläuft - eine Art mitlaufendes "Vielleicht", das eine unterschwellige Unruhe garantiert.
Das erzählerische Potenzial ist also durchaus vorhanden, es bedürfte lediglich einer etwas gezielteren Formung. Denn noch fügen sich die einzelnen Fragmente nicht zu etwas Neuem. Und das macht nicht wirklich, wirklich glücklich.
Die ersten Sätze:
"Meine
Schwester hat die seltsame Angewohnheit zu lachen, sobald etwas derartig
spannend, traurig oder unfassbar ist, dass es einer (körperlichen)
Reaktion bedarf. Bedenkt man die Tatsache, dass diese Augenblicke oft
alles andere als komisch sind, dann kann man sich die verblüfften
Gesichter und Reaktionen derjenigen leicht vorstellen, die in solchen
Situationen anwesend sind. So kommt ihr Freund einmal zu ihr, in der Absicht,
die Beziehung zu beenden, und gesteht ihr unter Tränen die Liebe
zu einer anderen Frau. Für meine Schwester bricht eine Welt zusammen,
doch sie weiß der blinden Panik nicht anders beizukommen, als in
schallendes Gelächter auszubrechen."
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