
Dieses Buch Freunden weiterempfehlen.
Dieses Buch kaufen bei Amazon.de
Buy Alexander Osang: die nachrichten at Amazon.com (USA)
Weitere Buchbesprechungen bei Amazon.de.
Zehn Jahre Deutsche Einheit. Während sich die Parteien streiten,
wer damals was gewollt und was geleistet hat, besinnt sich der Osten auf
seine Identität. Zur Identität gehört die Erinnerung. Bisher
hat die Stasi-Diskussion das Bild von der DDR-Vergangenheit dominiert und
den Blick verengt. Daß Gauck sich in diesem Jahr von seiner Behörde
verabschiedet, ist nicht ohne Symbolkraft. Es ist diese Stimmung, die Alexander
Osangs Roman „die nachrichten“ einfängt. Er gibt dem Zweifel Ausdruck,
„daß man mit dieser IM-Nummer eine Gesellschaft in Gute und Böse
einteilen kann.“ Was die Menschen eigentlich kennzeichnet und trennt in
Ost und West, das ist der unterschiedlich gelebte Alltag, zu DDR-Zeiten
und auch noch heute. Für die Ostdeutschen geht es jetzt um eine Wiedervereinigung
anderer Art, eine Wiedervereinigung mit sich selbst - um den Versuch, die
eigene Vergangenheit zu erinnern und zu integrieren.
Jan Landers, „Ostler“ und Hauptfigur des Romans, ist Sprecher
der 20 Uhr-Nachrichten, der Tagesschau. Er hat es geschafft. Sein Gesicht
ist eines der bekanntesten des Landes. Er hat sich perfekt angepaßt,
man sieht ihm den Ossi nicht mehr an. Er hat die „spermafarbenen Herrensommerschuhe
mit den kleinen Löchern und der angegossenen gelben Gummisohle“
abgelegt und kleidet sich wie die Elite der Westaufsteiger. Er weiß,
daß man in Hamburgs edlen Kreisen nicht Fete sagt, sondern Fest,
und daß man sich durch die richtige Musik, die richtigen Rituale
und vor allem die richtige Wohnung auszuweisen hat. Demnächst wird
er ein Loft beziehen: „Es fängt ja alles erst an“. Weitere
Karriereschritte zeichnen sich ab. Da trifft ihn aus heiterem Himmel ein
Stasi-Verdacht. Er wird umgehend suspendiert, denn ein Tagesschausprecher
ist „besonders hohen moralischen Ansprüchen unterworfen“.
Ob an dem Verdacht etwas dran ist, daran kann Landers sich nicht
mehr erinnern. Das ist keine Ausflucht. Vor lauter Anpassung hat er seine
DDR-Vergangenheit vergessen. Er hat „nichts Eigenes“ mehr. Während
Reporter aus Ost und West fieberhaft nach seiner Stasiakte suchen, nutzt
Landers den unfreiwilligen Urlaub, um auf Selbsterfahrung in den Osten
zu reisen. Es spielt bald keine Rolle mehr, ob er tatsächlich einmal
IM war oder nicht. Was zählt, ist die Fremdheit hier wie dort. Der
Vater in seiner lila Trainingshose und die Mutter auf dem riesigen Samtsofa
- sie sind „alte Wesen aus einer untergegangenen Welt“. Aber auch
im Westen ist Jan Landers nie richtig angekommen.
Alexander Osang, selbst „Ostler“, Berliner Starkolumnist und Verfasser
preisgekrönter Reportagen, gibt in seinem ersten Roman eine sehr differenzierte
Analyse der Ost-West-Befindlichkeiten. Auf reichhaltige Recherche gestützt
und ohne unnötige literarische Ambitionen schreibt er mit journalistischer
Routine, zugespitzt, aber nicht überspitzt. Er meidet reißerische
Klischees, mit Ausnahme des ewig rauchenden und saufenden Reporters, aber
vielleicht ist der ja gar kein Klischee. Selbstverständlich ist das
Personal des Romans fiktiv, der Bundesbeauftragte für Stasisachen
heißt Blöger und nicht Gauck. Trotzdem erscheint vieles sehr
authentisch - die Stasiarchivare bei der Pflege der von den Spitzeln zurückgelassenen
Kakteen; der „Ostwind“-Treff unter der alten Roten Fahne; die Medienleute,
die die Bildschirme mit der Wirklichkeit verwechseln und eigentlich gar
nicht mehr wissen, wie es draußen aussieht; die feine, auf ihre Weise
ebenfalls realitätsferne Gesellschaft auf Sylt. Aber auch durch das
Wühlen im Stasiarchiv wird man die Wirklichkeit nicht einfangen können,
das macht der Roman klar. Die Schnitzeljagd nach der Vergangenheit endet
im Absurden.
Und irgendwann hat man genug davon. Alexander Osang schreibt seine
Reportagen jetzt aus New York.
Eva Leipprand
| Bücher neu und gebraucht bei amazon.de |
|
|
|
| Bücher gebraucht oder neu bei booklooker.de |
Ihr Kauf bei unseren Shop-Partnern sichert das Bestehen dieses Angebotes.
Danke.
Weitere Titel von und Rezensionen zu Alexander Osang
Weitere Rezensionen in der Kategorie: Roman

Alexander Osang: die nachrichten
Buy Alexander Osang: die nachrichten at Amazon.com (USA)
carpe librum ist ein Projekt von carpe.com und © by Sabine und Oliver Gassner, 1998ff.
Das © der Texte liegt bei den Rezensenten. - Wir vermitteln Texte in ihrem Auftrag. - librum @ carpe.com
Impressum -- Internet-Programmierung: Martin Hönninger, Karlsruhe -- 19.06.2012