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Buy Peter Handke: Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten. at Amazon.com (USA)
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Wie von der Welt erzählen? Wie von einer ganzen Welt erzählen,
wenn doch längst das Chaos den Kosmos zertrümmert hat? Was muß
geordnet, aufgefächert, durchlüftet werden, bevor überhaupt
das Feld der Geschichten bestellt werden kann? "Bin ich denn in meinem
Schreiberleben jemals hinausgekommen über solche Vorgeschichten? Seit
je fühlte ich eine große Geschichte in mir, und sooft ich die
Vorgeschichte erzählt hatte, war auch schon das Buch zu Ende",
räumt Gregor Keuschnig, Erzähler des neuen Buchs von Peter Handke,
ein, und wie dem Erzähler ist es seinem Autor, der ihm so bedenklich
ähnlich ist, nicht selten ergangen. Die Vorgeschichte jedenfalls,
die Vorgeschichten nehmen auch in diesem "Märchen aus den neuen Zeiten",
das in der nächsten Zukunft, im Jahr 1997, angesiedelt ist, viel Raum
ein. So viel, daß dem Leser erst am Ende klar wird, wie sehr die
Vorgeschichte schon die Geschichte gewesen ist.
Und wem erzählen? "An eine Gemeinschaft der Verstreuten glaubte
ich nur in einer Zwischenzeit." Zerwürfnisse sind dem "Jahr
in der Niemandsbucht" voraufgegangen, nicht nur Kriege und Katastrophen.
Verloren ist alle Gemeinschaft, mit Frau, Kind, Freunden, Lesern. "Wie
die Russen des neunzehnten Jahrhunderts, dann wie die Amerikaner in der
ersten Hälfte des zwanzigsten" will Gregor Keuschnig nicht schreiben.
Das ehrt ihn in Zeiten wie diesen, da, wie er beobachtet hat, kein Erzähler
mehr verlangt wird, sondern ein "Conférencier". Auch das muß
zunächst geklärt sein; und knapp die Hälfte des tausendseitigen
Buchs braucht der Erzähler, um sich mit den Fragen "Wer? Wer nicht?"
und "Wo? Wo nicht?" an die Gegenstände eines vielleicht doch noch
möglichen Erzählens heranzutasten: "Mein Weitausholen, Ins-Stocken-Geraten,
Neuansetzen ist mir recht. Wenn ich ein Stammler bin, so ein selbstbewußter."
Wer also nicht? Die "Gesellschaft", deren Schichtungen Keuschnig
als Jurist vollständig kennengelernt hat, hat keine Vollständigkeit
mehr, und die Schicksale einzelner, auf dem Weg schließlich verlorener
Gefährten sind miteinander nicht zu verknüpfen. Keine Ganzheit,
keine Welt, kein Kosmos. Aber die Geschichten der sieben ausgewählten
Freunde, die ein Jahr lang auf Reisen sind.
Und wo nicht? Die "fernsten Ausländer", die Keuschnig im diplomatischen
Dienst bereist und bewohnt hat, haben ihr Leuchten verloren, die Metropolen
hat er als "chimärisch" erkannt. Aber die Weltfremdheit der Vorstadt
in der Wälderbucht westlich von Paris soll es sein.
Die Chronik eines Jahres will der Schriftsteller verfertigen, der sich
da in das Niemandsland der Seine-Höhen zurückgezogen hat. Die
Chronik eines Jahres in einem Ort, in dem nichts geschieht außer
den jahreszeitlichen Veränderungen der Naturdinge, den mählichen
Verschiebungen im Umkreis der menschlichen Behausungen - und dem Schreiben
des Erzählers, der seinen Schreibort findet und endlich auch die Schreibart,
von der, auch dies Teil der Vorgeschichte, die Rede war: "Denn ich
wünsche mir mehr denn je, auf- Den Boden bereiten
gehen zu können in einem fraglosen, nichts als (. . .) mitvibrierenden
Dahinerzählen."
Bis es soweit ist, bis schließlich das Jahr, das Jahrzehnt und
der letzte Tag in der Niemandsbucht nachgetragen werden, will der Erzählboden
bereitet sein - Gregor Keuschnigs Bio-Bibliographie, die stark an die Peter
Handkes erinnert, sein deutsch-österreichisch zwiegespaltenes Herkommen,
seine Erfahrungen mit Grenzlandschaften und Übergängen, seine
Aufenthalte in Europa, Asien, Amerika, seine Poetik, seine "Verwandlung"
im Schreiben und die Sehnsucht danach werden, im wiederholten "Neuansetzen",
ausgebreitet. Ebenso die Begegnungen mit den Menschen, die ihm zu Figuren
werden sollen. Einmal nämlich sollte es anders sein als in den anderen
Büchern, die den Erzähler selbst zum Helden hatten: "Aber
diese Geschichte soll von mir nur unter anderem handeln", und: "die
Helden sollten die anderen sein".
Doch die Helden, die sieben Freunde - Sänger, Leser, Maler, Freundin,
Zimmermann, Priester und Sohn -, werden keine; sie bleiben Spiegelungen
des Erzählers, bestenfalls Ausstülpungen des Erzähler-Ichs.
Und die Länder, die sie bereisen - Kastilien, Kärnten, Schottland,
Deutschland, Jugoslawien, Japan, die Türkei -, werden nicht zum Bild
der äußeren Welt. Das Erzählen von Welt und Helden gelingt
nicht, jedenfalls nicht in der Manier der Conférence. Die zum guten
Schluß in der Niemandsbucht zum Fest Versammelten werden denn auch
ganz andere Geschichten zu erzählen haben. Etwas anderes aber gelingt
zuweilen: das Über-die-Schulter-Schauen des Erzählers, das Neu-Zusammensetzen
der Einzelheiten aus verschobener Perspektive. Und es "leuchten dann die
Gegenstände auf, wie sie das im Geradeausblick nie getan hätten".
Damit ist schon einiges gewonnen, hatte sich das Erzählen doch
zunächst an der Sprache römischer Rechtssammlungen geübt,
mit ihrem "eingeschränkten Bestand Traumhafter Grundton an Wörtern"
und ihrer Berücksichtigung aller Arten von Raub, Körperverletzung,
Mord und Totschlag: "Indem die Rechtssätze jede Wendung der Dinge
vorsahen, bedrohte mich kein Chaos mehr." Wenn aber die Rechtfertigung
des Weltzustandes aufgegeben ist, kann die Rechtfertigung des eigenen beginnen.
Dem gar nicht bußfertigen Eingeständnis von Abgefallenheit kann
dennoch die Erlösungsbitte folgen: "Mich, das Gesellschaftswesen,
habe ich durch mein Bewußtsein verspielt. Gib, daß ich dafür
in meinem Aufschreiben, zumindest in seiner Hauptsache und in seinem Hauptstrang,
zum Traumhaften zurückfinde, den Grundton bewahre und sonnenklar werde."
Nichts wäre einfacher, als den Autor Handke und seinen Erzähler
Keuschnig bei kitschigsten Manieriertheiten zu ertappen, bei Pathosaufschwung
und promptem Absturz, im steinpilz- und kleintierbestückten Weltinnenraum.
Irgendwann aber stellt sich das Erzählen ein, zunächst in kathartischer
Groteske, der wütenden Vorführung lärmender Gartennachbarn,
deren einer wirklich einen Leitfaden "Zen und die Kunst des Geräuschvollen"
verfaßt hat, dann im märchenhaften Abschreiten der poetischen
Landschaft, geleitet von der Frage "Und was geschah dann?" Das
Schreckliche wird des Schönen Anfang: ein Bürgerkrieg in Deutschland
hat mächtig umgehendes "Verstehen" zur Folge, Kinder reden in Zungen
und Alte haben Träume, und die Dinge und Gegenden werden wieder namenlos,
wie vor der Erschaffung Adams.
Wenn dergestalt zwar nicht alles, aber vieles traumhaft und sonnenklar
wird, dann lohnt das Wagnis und erfüllt seinen Zweck, die Beglaubigung:
"Und daß das vorgefaßte Registrieren, Berichten, Chronikherstellen,
Draußenbleiben sich zu einer Erzählung verdreht hat, und eine
in der Ich-Form, das kam aus der Erkenntnis, gleich schon am Anfang des
Jahres, daß ich, der Schreibende, mit meinem Buch scheitern müßte,
würde ich mich nicht wechselweise selber hineinspielen, um meiner
Sache die nötige Blöße zu geben, ähnlich einem Tier,
welches während eines Zweikampfes für Phasen ungeschützt
seine Kehle herzeigt."
Als alle zusammenkommen, auch die Verlorengeglaubten, zum Gastmahl
am Schluß, fehlt einzig der Sänger. Der Raum aber, in den dieser
"sein neues, sein Letztes Lied" singen könnte, ist freigemacht,
das Buch hat seinen Leser erzogen, sich zurechterzählt. Was er sich
wünschen würde, wäre ein Jahr in der Niemandsbucht. Was
beginnen kann, ist die "Neue Welt: Wie das Gehen auf einer Straße
im Neuschnee, wo noch niemand unterwegs war als ein kleiner Vogel.''
Julia Schröder
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Danke.
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