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Herbert W. Frankes
"Sphinx_2" spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft – die sich bei näherer
Betrachtung als eine nicht wirklich erstrebenswerte entpuppt:
Die verseuchte und weitgehend unbewohnbare Welt teilt sich in eine
Zwei-Klassen-Gesellschaft auf: Die privilegierten Bürger der Union unabhängiger
Stadtstaaten und die Allianz freier Nationen, der es bis auf das Ideal der
"Freiheit" so ziemlich an allen Ressourcen und moderner Technik mangelt.
Umgekehrt werden die Bewohner der an Arkologien erinnernden Kuppelstädte
bemuttert: Virtueller Sex, perfekt ausgewogene Ernährung und alle Vergnügungen
und Wünsche, die man haben kann, werden erfüllt - solange der Bürger in der von
Vernetzung und Anfängen künstlicher Intelligenz geprägten Gesellschaft tut, was
die herrschende Elite wünscht ...
Eines Tages wird die heile Welt Gareth Lavalles zerstört: Man stellt Lungenkrebs
bei ihm fest. Doch Gareth kommen Zweifel: Sein Untersuchungsergebnis weist ihn
als kerngesund aus – Warum macht man ihn also etwas vor? Eine Terrororganisation
kidnappt Lavalle und rettet ihm so das Leben: Denn er ist ein Klon von Professor
Troy Dryer, ein lebendes Ersatzteillager – und seine Lunge wird benötigt. Der an
dem Projekt Sphinx_2, der ersten lernfähigen, wahren künstlichen Intelligenz
arbeitende Dryer ist von größerer Bedeutung.
Offensichtlich ist Gareth seinen Häschern doch nicht entkommen: Das Buch beginnt
mit dem Verhörprotokoll des Delinquenten Gareth Lavalle, der gefesselt auf einem
Metallstuhl sein Ende erwartet …
Der Autor
Der 1927 im Wien geborene Herbert W. Franke kann auf ein sehr weites Gebiet von
Tätigkeiten zurückblicken: Als studierter Physiker, Mathematiker, Chemiker,
Psychologe und Philosoph sowie als Höhlenforscher dürfte man dies beileibe nicht
als Übertreibung auffassen. Seit 1980 ist Franke Mitglied des Deutschen
PEN-Clubs, im selben Jahr wurde ihm auch der Berufstitel Professor vom
Österreichischen Ministerium für Unterricht und Kunst verliehen.
Seine ersten Science-Fiction-Geschichten erschienen im Jahre 1953, seit 1957 ist
Franke freier Schriftsteller. Zu seinen Werken zählen unter anderem "Der
Orchideenkäfig" (1961), "Die Stahlwüste" (1962), "Einsteins Erben" (1972),
zuletzt erschien nach einigen Sach- und Fachbüchern 1990 "Spiegel der Gedanken".
Der Roman "Sphinx_2" erscheint somit 14 Jahre nach seinem letzten Werk und
scheint der Auftakt zu einer neuen Schaffensphase zu sein, der unter dem
Arbeitstitel "Cyber City Süd" laufende nächste Roman wird bereits 2005 (wieder
bei dtv) erscheinen.
Eine faszinierende Zukunft – solange man nicht hinter die schöne Fassade
blickt
Künstliche Intelligenzen und Gentechnik sind moderne Spekulationsgebiete für
SciFi-Autoren: Neue Möglichkeiten, sowohl Fluch als auch Segen. H. W. Franke
zeichnet ein beklemmendes Bild: Totale Vernetzung – totale Überwachung. Totale
Kontrolle der breiten Masse durch eine kleine Oberschicht, die das Volk in Elend
außerhalb ihrer Paradiese leben lässt und seine Bürger im Inneren mit allen
erdenklichen Vorzügen bei Laune hält.
Dies alles ist unserem Helden Gareth nicht bewusst – erst sein Kontakt zu den
Rebellen (Terroristen für die Gegenseite) öffnet ihm die Augen. Doch auch diese
sind nicht uneigennützig. Zum Dank für seine Errettung vor der Ausschlachtung
seiner Lunge soll er an Stelle Troy Dryers für die Rebellen arbeiten … und
Sphinx_2 ausspionieren. So erzählt man ihm zumindest. Nur dank seiner Geliebten
erfährt er vom perfiden Haken des Plans: In Wahrheit möchte man ihn gegen einen
wichtigeren Agenten austauschen …
Dieser erste Teil des Buches (Gareth) vereinigt sich am Ende mit dem zweiten
Teil (Troy) zu einem logischen Ende, das jedoch den Leser zuerst lange Zeit im
dunklen tappen lässt.
Troy Dryer wird im zweiten Teil des Buches den Leser mit der KI "Sphinx_2" und
ihrer Entwicklung bekannt machen. Diese regelt nach und nach alle Aspekte
menschlichen Lebens, ist allgegenwärtig – und auch oberster Stratege des
Militärs. Oberste Maxime, ganz im Sinne Asimovs: Sphinx_2 tut alles zum
Wohlergehen der Menschheit. So verhindert Sphinx_2 Kriege, indem es Soldaten
über die Nahrung mit Glückshormonen und Drogen vollpumpt, so dass ein Krieg zum
gemeinsamen Kartenspiel mit Gartenparty mutiert. Durchaus positiv, nicht wahr?
Sogar für das persönliche Glück seines Schöpfers Dryer sorgt Sphinx_2 – es nimmt
die eigene Weiterentwicklung selbst in die Hand … und somit der Menschheit zu
ihrem eigenen Besten vollständig ein seit jeher heiliges Ideal: Die Freiheit.
Fazit
Mir persönlich gefiel der zweite Teil wesentlich besser, er schweift oft ins
Philosophische ab und ist interessanter als das blinde Herumtappen des ersten
Teils, der sich dadurch oft ohne erkennbare Handlung in die Länge zieht und
recht zäh in diese Welt einführt.
Das ist ein Problem des thematisch hochinteressanten Romans: Bis er in Gang
kommt, könnte man bereits das Interesse verloren haben. Daran kann auch der
recht originelle Beginn bei der geplanten Exekution Gareths nichts ändern. Die
interessantesten Persönlichkeiten sind die junge KI und Troy Dryer – zu keiner
anderen konnte ich eine wirkliche Beziehung, Sympathie oder Antipathie,
aufbauen. Der lahme Start hat den Nachteil, den Leser, bis sich der zweite Teil
mit dem Ende vereint und einen Bogen zum Beginn schlägt, gehörig zu langweilen.
Frankes wirklich hervorragende und hochinteressante Gedanken gehen so leider
lange unter! Der Roman ist ein lupenreiner Spätzünder für geduldige Leser.
Einen Rüffel hat der Klappentext des sauber lektorierten Romans verdient: "Der
große Gentechnik-Roman des wohl bekanntesten deutschen SF-Autors." Dazu noch ein
vergällendes Zitat der "Zeit": "Unter den deutsch schreibenden SF-Autoren ist
Herbert W. Franke der prominenteste. Naturwissenschaftler von Haus aus, hat er
eine Theorie der Science-Fiction entwickelt, die sich in ihrem pädagogischen
Ernst von anderen, mehr spielerischen Deutungen stark unterscheidet."
Gentechnik spielt eine Rolle, aber hier wird ein völlig falsches Bild des Romans
erschaffen. Der "pädagogische Ernst" gibt dem Roman einen staubtrockenen Touch,
dem der Mief eines Vorlesungssaals anhaftet – das hat er nicht verdient. Rein
aus persönlicher Sicht verwundert mich auch die Darstellung als bekanntesten
deutschen SF-Autoren – sind Eschbach und Marrak mittlerweile nicht populärer als
der in den letzten Jahren auf diesem Gebiet eher ruhige Franke?
Von diesem bemüht-misslungenen Marketing abgesehen, ist der durchaus gelungene
Roman ambivalent zu sehen:
Tolle Ideen und Visionen, die jedoch erst viel zu spät wirklich zünden.
Eigentlich schade, denn mit etwas mehr Elan und weniger hinhaltender Verwirrung
zu Beginn hätte das Buch ein echter Hit werden können.
http://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_W._Franke
Michael Birke [13.10.2004]
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Danke.
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